5. April 2020

Erfahrungsbericht: Remote-Assessment

Insights
Ein Geschäftsmann führt eine Videokonferenz von seinem Laptop aus durch.

Erfahrungsbericht nach 3 Wochen Remote-Assessments

Christoph Aldering

 

„Aber geht da nicht vieles verloren, wenn man sich nur per Video sieht?“

 

Das ist sicher die Hauptsorge im Zusammenhang mit Überlegungen pro oder contra Remote-Assessments und die Antwort lautet vor dem Hintergrund der in den letzten Wochen zusätzlich gesammelten Erfahrungen: „ja und nein“: Natürlich ist die Perspektive eingeschränkter (Tipps für einen optimalen Umgang mit der Technik – sowohl auf Seiten des Unternehmens als auch der jeweiligen Kandidaten – finden sich weiter unten). Die Erfahrung zeigt, dass der – durchaus etwas distanziertere Blick, ggf. auch der geringere Einfluss „klassischer“ Beobachtertendenzen – sich positiv auswirken: Aus eigener Erfahrung – insbesondere der letzten drei Wochen – ergibt sich ein Eindruck von stärkerer, konzentrierter Fokussierung auf das Gesagte und weniger Beeinflussung durch periphere Aspekte. Natürlich gibt es die Möglichkeit der Teilnehmer, nicht gewünschte Ergebnisse auf den Modus der Durchführung zu attribuieren. Aufgrund der Zunahme der virtuellen Zusammenarbeit, nicht nur im Auswahl- und Besetzungsprozess, im beruflichen Alltag unserer Teilnehmer relativiert sich dieses Argument sukzessive. 

 

„Bestimmte Übungstypen bzw. Rollensimulationen können nicht in die Virtualität übertragen werden“. 

 

Das stimmt zweifelsohne. Andererseits verschieben sich auch Tätigkeiten, Aufgabenstellung und Anforderungen immer weiter in die Virtualität. Was wurde und wird nicht über VUCA gesprochen und geschrieben. Jetzt werden die hiermit verbundenen Kompetenzen akut relevant und real: eine Selbstvorstellung in einer Videokonferenz vor zukünftigen Kollegen und/oder Mitarbeitern, auch die Reflexion über den adäquaten Umgang mit aktuellen, die Kollaboration digital unterstützenden Medien charakterisiert den Arbeitsalltag. Ja, es wird – mit großer Wahrscheinlichkeit und für viele glücklicherweise – auch zukünftig physische Meetings zwischen Führungskraft und Mitarbeiter geben. Dass Führungskompetenzen, zumal bei Führungskräften in exponierten Funktionen, „nur“ in persönlichen 4-Augen-Gesprächen erkennbar werden – und nicht auch in simulierten Video-Calls, das darf bezweifelt werden.“ Zumal es, abhängig von Hierarchieebene und Funktion typischerweise weniger um „schnöde“ Verhaltenskompetenzen (i. S. v. Blickkontakt und dem Stellen von offenen Fragen) geht, sondern vielmehr um den Umgang mit Zielkonflikten, Ambivalenzen und – sehr oft wesentlich – um persönliche Haltung…

 

„Aber Fallstudien lassen sich doch nicht remote durchführen?!“

 

Doch! Und mit dieser selbstbewussten Antwort wird nicht in erster Linie auf online-gestützt dargereichte Leistungstests verwiesen. An dieser Stelle – ein bisschen Eigenwerbung sei erlaubt – erfolgt der Hinweis auf VDR-gestützte Fallstudien: dem Kandidaten bzw. der Kandidatin – in unserem Kontext i. d. R. mit Ausrichtung auf C-Level-/Top-Executive-Positionen – wird temporär und im read-only-Modus der Zugang zu einem virtuellen Datenraum (VDR) freigeschaltet, in dem sich in Anlehnung an klassische (Business-) Fallstudien relevante Informationen (Finanzen, Markt, Kunde/Wettbewerb, HR, Prozesse/Operations…) analysieren lassen, die anschließend vor einem interessierten, auch hinterfragenden Publikum vorzustellen und zu diskutieren sind. Abschließend erfolgt der gemeinsame „Brückenschlag in die Praxis“ und man ist wieder im „normalen“ Assessment-Prozess….

 

„Nähe durch Distanz“

 

Ein zugegeben sehr pragmatischer, für das Miteinander in der Video-Konferenz jedoch als sehr wesentlich empfundener Hinweis: das bzw. ein Gesicht direkt vor dem Bildschirm verhindert den Augenkontakt. Als Möglichkeit zur Professionalisierung ist eine hochauflösende Kamera – idealerweise mit Zoom-Funktion – insbesondere für den Einladenden zu Remote-Assessments zu empfehlen. Wenn die Distanz zwischen der Kamera und den sprechenden Personen ca. 1,5 m beträgt, ist Augenkontakt bzw. Augennähe in einem Remote-Verfahren im wahrsten Sinne möglich.

 

Sind „Remote-Assessments (RACs)“ eine tatsächliche Alternative zu klassischen Präsenz-Assessments?

 

Wahrscheinlich sind Remote-Assessments sogar „alternativlos“: Wer kann bzw. will – zumindest in der aktuellen Lage (5. April 2020) – zum einen die Verantwortung dafür übernehmen, dass in Bezug auf Kandidaten und Beobachter „vermeidbare Nähe vermieden“ wird. Zum anderen gilt es quasi unaufschiebbare Auswahl- und Besetzungsentscheidungen zu treffen (und zwar sowohl auf Seiten der einstellenden Unternehmen wie auch der wechselbereiten Kandidaten). Hier bedeutet Zeit verstreichen zu lassen tatsächlich, Chancen nicht zu nutzen  – auf Seiten aller Beteiligter!

 

„Remote-Assessments“: ein neues Vorgehen?

 

In Projekten des Autors dieser Zeilen ist es im Zusammenhang mit im internationalen Kontext durchgeführten Assessment-Projekten zudem schon viele Jahre geübte Praxis, dass zumindest ein Beobachter „nur“ per Video am eigentlichen Verfahren teilnimmt; dies nicht zuletzt mit Blick auf Reiseaufwendungen (s. Relation direkter (Reise-) Kosten und wahrscheinlich unterproportionaler Effekt auf die Validität). Aus diesem Kontext fußt seit längerem die Erfahrung, dass ein zweiter, nur per Video teilnehmender Beobachter eine andere, meistens sogar eine zusätzliche und damit für den Beurteilungsprozess förderliche Perspektive ergänzt. 

Die Hypothese, dass die relative und auch absolut größere Distanz des „nur“ remote teilnehmenden Beobachters Unvoreingenommenheit und Neutralität zum Wohle einer noch objektiveren und damit differenzierten Einschätzung und Bewertung beiträgt, erscheint begründet.

 

Und sind die Ergebnisse tatsächlich vergleichbar?

Dass eine diesbezügliche Annahme bzw. Hypothese gerechtfertigt ist, soll mit Hinweis auf die folgenden, in Auszügen dargestellten, seit langem bekannten, wenngleich auch bisher schon nicht in jedem Diagnostik-Prozess berücksichtigten Erfolgsfaktoren reflektiert werden (vgl. die diesbezüglich handlungsleitende Prozessnorm DIN 33430 (https://www.din33430portal.de) oder auch die vom Forum Assessment (s. Standards der Assessment Center Methode 2016 (https://www.forum-assessment.de/images/standards/AkAC-Standards-2016.pdf) bzw. vom Kuratorium Top-Management Diagnostik (KTMD) empfohlene Prozessbeschreibung für Management-Diagnostik-Prozesse (Standards für Diagnostik im Top-Management 2016 (https://www.forum-assessment.de/images/standards/AKAC_Top_Management_Diagnostik_Standards_2016.pdf).

 

Haben Remote-Assessments auch für die „Nach-Corona-Zeit“ eine Zukunft?

 

Mit Blick auf die zu erwartende Anzahl an mehrheitlich positiven Erfahrungen mit der Durchführung von Remote-Assessments, die natürlich über entsprechende empirische Studien belegt werden muss, wagt der Autor dieser Zeilen die Prognose, dass mit großer Wahrscheinlichkeit zwischen 20 und 40 % der bisher „vor Ort“ realisierten Einzel-Assessments und Management-Audits durch remote durchgeführte Verfahren substituiert werden.

Das könnte Sie auch interessieren